EinRadler

Schnell und gefährlich

http://mz-web.de/31531704 / https://twitter.com/mz_halle/status/1058607205140910081 (Überschrift im Printmedium: Schnell und gefährlich)

Drei Menschen wurden bisher im Jahr 2018 in Halle beim Radfahren von einem LKW-Fahrer beim Abbiegen tödlich verletzt. Für die MZ ist das der Anlass, die Gefährlichkeit von Fahrrädern mit Elektroantrieb zu untersuchen und die moderate Geschwindigkeit von 25 km/h als sehr schnell darzustellen – so als müsste man ohne Elektroantrieb nie mit Fahrrädern rechnen, die sich nennenswert fortbewegen. Für die Polizei wiederum sind Fahrradunfälle an allen Unfällen statistisch nicht besonders auffällig – in einem Durcheinander von Sachschäden und Personenschäden. Eine Unfallkommission rätselt über Gefahrenstellen, verhindert aber seit Jahren die Teilnahme der Interessenvertreter des Radverkehrs.

Alles an dem Artikel schreit nach sofortigem Widerspruch, im Netz gibt es einen Shitstorm wegen der Opferbeschuldigung. Jede Alltagsradlerin wird 25 km/h als zügig, aber nicht besonders schnell einstufen. Der behauptete Zusammenhang zwischen Trittfrequenz und Geschwindigkeit ist spätestens (https://twitter.com/bike_bs/status/1058840988708413440) seit der Gangschaltung hinfällig.

Was für Ansichten stoßen hier aufeinander? Der LKW-Fahrer hat die Geschwindigkeit des Rades wahrscheinlich unterschätzt, und Elektroantriebe werden problematisiert. Da klingt Sehnsucht nach den Zeiten durch, als Radfahrer noch selten waren, mit 12 km/h herumschlichen und sicherheitshalber schnell stoppten und abstiegen, wenn irgendwo in der Umgebung ein Auto zu hören oder zu sehen war. Mit einer Regulierung der Elektromobilität auf zwei Rädern, die nach der Eisenbahn die erfolgreichste Elektromobilität und insgesamt die am schnellsten wachsende ist, will man die Zeit zurückdrehen, wo vorsichtige, seltene und ängstliche Radfahrer den „echten“ Verkehr kaum behindert haben. Das wird auch mit dem aufgestellten Schild besonders absurd bewiesen: „Baustellenausfahrt“ (https://staedtische-zeitung.de/2018/10/bild-des-tages-toedlicher-unfall/). Der LKW- Fahrer hat die Radfahrerin bestimmt nur deshalb überfahren, weil er gar nicht wissen konnte, dass dort eine Einfahrt auf die Baustelle ist. Wie gut, dass die nächsten LKW jetzt darauf hingewiesen werden.

Stadt und Polizei sind natürlich schlau genug, genau zu wissen, was dort hingehört: „Achtung Fahrräder!“. Der LKW-Fahrer hat nicht mit dem Fahrrad gerechnet. Es wurde aber entschieden, lieber die Opfer zu warnen. Wie soll man neben einer vorbeifahrenden endlosen Kolonne erkennen, welches Fahrzeug geradeausfährt und welches plötzlich rechts rüberzieht?

Sind Pedelecs und E-Bikes denn völlig unproblematisch? Nein, denn sie erlauben ungeübten Radfahrerinnen und Radfahrern, die aus eigener Kraft seit Jahren gar nicht oder nur langsam gefahren sind, wieder normal schnell bis zügig zu fahren.

Was wären die wirksamen Maßnahmen gegen das Sterben auf den Straßen kurzfristig und mittelfristig?

  • Schulungen für LKW-Fahrer, die aktuellen Radverkehr und die Regelungen und Möglichkeiten vermitteln
  • Mehr Kontrollen der Gefahrenquelle LKW: Handynutzung, Lenkzeiten, Spiegeleinstellung, Sichtfeldbeeinträchtigung durch Vorhänge oder Schmuck, technischer Zustand, Alkohol
  • Kontrollen des Fahrverhaltens (und Ahndung!): Schulterblick, Überholabstand, Beachtung von Vorfahrt und Vorrang, Geschwindigkeit
  • Unfallnachbereitung: die Smartphones der Beteiligten müssen nach schweren Unfällen ausgewertet werden, ob sie zum Unfallzeitpunkt benutzt wurden
  • Verfolgung von Anzeigen: enges Überholen ist eine Gefährdung, wird aber meistens gar nicht verfolgt, allerhöchstens als Ordnungswidrigkeit
  • Kontrollen der Fahrräder: Licht ist heute zuverlässig und billig zu haben.
  • Angebot von Kursen für Pedelec-Nutzung
  • Beteiligung der Radfahrer an der Unfallkommission
  • Abbiegeassistenten an LKW

Die Transportunternehmen versuchen, auf Kosten ihrer Fahrer und der Allgemeinheit Geld zu sparen. Statt uns vom billigen LKW- Verkehr gefährden zu lassen, müssen die gesetzlichen Regeln konsequent durchgesetzt werden. Städtische Aufträge sollen bevorzugt an Firmen vergeben werden, die den Abbiegeassistenten einsetzen. Firmen, deren Fahrzeuge bei Verkehrskontrollen negativ aufgefallen sind, müssen vermieden werden. Für den LKW-Fahrer ist es schrecklich, was dort passiert, aber für das zuständige Unternehmen hat es keine Konsequenzen.

Die Opferbeschuldigungen der Zeitung funktionieren übrigens. Einige MZ-Leser sind der Meinung, dass man als Radfahrer auf sein Recht verzichten soll und den LKW durchlassen. Dass das in der Situation gar nicht funktionieren kann, außer man schiebt von Anfang an und fährt gar nicht Fahrrad, wird durch solche Artikel komplett verdrängt.

Ergänzung vom FUSS e.V.

Nicht mal Schieben/ Gehen ist sicher. In Berlin wurden 2017 Fussgänger 455-mal bei eigenem Ampelgrün gerammt. Die Fahrer hatten meist Quergrün und brachen dann die Guck-und-Warte-Regel. (https://twitter.com/fussverkehr_de/status/1059014275526770688)